Über Nacht nach Sylt

Von Tönning ging es das letzte Stück die Tideneider bis zum gigantischen Eidersperrwerk hinab. Spätestens ab hier beginnt die Nordsee. Einem Gewässer, dem ich seit jeher mit Respekt begegne. Bei den falschen Bedingungen hier draußen zu sein wird schnell mehr als unangenehm und so war selbst als ich in Kappeln losgefahren bin noch nicht mal klar ob und wie diese Tour ab hier weitergehen würde. Würde West 6 eine Passage von Außenelbe oder Außeneider ungemütlich bis unmöglich machen? Würden wir im Hafen festsitzen bis der Urlaub vorbei ist? Oder am Ende doch ganz entspannt bei leichtem Ostwind raus aufs Meer fahren? Die Nordsee kann eine absolute Wundertüte sein. In „Das Rätsel der Sandbank“ beschrieb die Figur Dollmann die Nordsee und das deutsche Wattenmeer ebenso:

Wer sich hier auskennt und mit den Verhältnissen arrangiert, der kann sich hier so sicher und behütet wie nirgendwo sonst fühlen. Wer sich aber töricht verhält, der wird auf der nächsten Sandbank enden.“

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Wieder mal ein Zitat, dass auch noch 100 Jahre später passt. Und so war der Plan ,ab dem Eidersperrwerk, welches seit den 70ern die Tideneider und Tönning vor Sturmfluten schützt, auch erst mal die Nase rauszustecken und zu schauen was da draußen so Sache ist. Und die Nordsee blieb heute friedlich! Wir glitten kurz vor Hochwasser durch die ersten Tonnen der Außeneider, und ein moderater Westsüdwest mit 15 Knoten blies uns ins Gesicht. Die Außeneider ist selbst für Nordseeverhältnisse eine berüchtigte Ecke. Ein enges, sich windendes Fahrwasser zwischen hohen Sandbänken, welches sich so rasend schnell verändert, dass selbst wenige Wochen alte Seekarten schon wieder überholt sein können. Mit diesem Wissen ausgestattet wunderte es uns dann auch nur mässig, dass das Fahrwasser mehrmals einen völlig anderen Verlauf als auf unseren Karten nahm. Trotzdem eine tricky Angelegenheit.

Mit der Ansteuerungstonne der Eider, die im Takt der Wellen ihr muhendes Pfeifgeräusch abgab, wurde die Sache dann aber schon entspannter. Wir gingen hoch an den Wind, groovten uns für die lange Fahrt ein und gewöhnten uns an den Takt der Nordseewellen. Während an Steuerbord langsam der Strand und die Häuser von St. Peter-Ording vorbeizogen, kam der erste Hunger auf. Morgens ins Tönning hatten wir extra noch frische Brötchen und 2 Pfeffermakrelen gekauft, die uns nun zum Festmahl herhalten sollten. War auch echt lecker. Das Problem von Fischbrötchen auf See ist nur leider, dass man bei jedem Aufstoßen über Stunden hinweg noch was davon hat. Das war dieses Mal dann so extrem, dass kurz vor Sonnenuntergang die Pfeffermakrele sogar in der Spalte „Gäste“ im Logbuch eingetragen wurde….

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Trotz des sommerlichen Wetters war nur wenig los. Ein klarer Vorteil des Reviers.. Mit der beginnenden Dämmerung mache ich mal eine kurze Bestandsaufnahme. Eigentliches Ziel dieses Trips soll Deutschlands nördlichster Hafen, List auf Sylt, sein. Das Intrikate an der Sache ist nur, dass der Weg dorthin nicht nur lang ist, sondern sich auf der gesamten Westküste von Sylt bei Wetterschwung überhaupt keine Möglichkeiten zum Unterkriechen ergeben. Keine Häfen, keine Buchten, noch nicht einmal Sandbänke hinter denen man Schutz suchen könnte. Und obwohl die Insel selbst nur ca. 35km lang ist, ist der Weg von Hörnum, dem südlichsten Hafen der Insel, nach List durch einige Umwege durch die Sände immer mindestens 40sm lang. Nun stehen wir in der Dämmerung etwa 10 Meilen westlich von Amrum. Nun wäre die letzte echte Möglichkeit abzudrehen und einen anderen Hafen anzulaufen. Doch das Wetter soll bis zum nächsten Mittag stabil bleiben, und so hangeln wir uns weiter an der 10m Linie gen Norden in die Nacht. Typisch Nordsee. Ein wenig Umsicht und Planung vorausgesetzt ist es hier kein Problem auch lange Strecken hinter sich zu bringen. Aber lieber einmal öfter auf den Wetterbericht geschaut als hier in unklares Wetter zu kommen.

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Eine wahrhaft traumhafte Nachtfahrt ist der Lohn für die Mühen. Mit einem schönen Halbwindkurs geht es nach Norden, während an Steuerbord, mittlerweile weit im Osten von uns die Leuchtfeuer erst von Amrum auftauchen, dann schon Hörnum auf Sylt, und bald schon Kampen und List West, während immer wieder die Lichter der verschiedenen Orte von Sylt durch die Dünenberge der Insel durchglimmern. Viel zu schnell kommen wir voran (In die Richtung möchte ich mich mal öfter verrechnen 😉 ) und es dämmert noch nicht mal, als wir uns der Ansteuerung des Seegatts,  Lister Tiefs nähern. Schnell noch eine Ehrenrunde vor der Insel  gedreht, denn in ein ganz unbekanntes Seegatt muss ich ohne Tageslicht nun nicht einlaufen. Außerdem ist es gerade erst kurz nach Niedrigwasser, und ob das nur wenige Dutzend Meter an Sylts Nordspitze, dem Ellenbogen, entlangführende Nebenfahrwasser schon genug Wasser führt ist unklar. Mal wieder hilft aber eine typische Nordseesituation: Ich sehe wie ein Windkraftversorgerkatamaran  dort gerade durchprescht. Also fix mal per Funk nachgefragt. Die Antwort kommt freundlich, exakt und mit der Gegenfrage wie unsere Nacht war. Ein Berufsschiff in der Ostsee ohne echte Not um Rat zu fragen wäre eher die krasse Ausnahme. Doch hier in der Nordsee, wo das Revier rauer, wilder und urtümlicher ist, hilft man sich. Ganz gleich Ob Krabbenkutter, Segler, oder KüMo Frachter. Hier helfen sich alle. Echte Kameradschaft statt Zweiklassengesellschaft.

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Die Annäherung an Sylt ist dann mal wieder etwas ganz besonderes. Wie schon erwähnt führt das Lister Landtief ganz scharf am berühmten Ellenbogen, Deutschlands nördlichstem Punkt entlang, während hinter der Insel im Osten das erste Morgengrauen zu sehen ist. Außer dem schon am Horizont entschwundenen Katamaran ist kein Mensch außer uns unterwegs oder zu sehen. Diesen im Sommer oft von Touristen überlaufenen Ort haben wir ganz für uns allein. Damit ich aber nicht zu sehr ins Schwelgen gerate kommt mal wieder eine Nordseelehrstunde. Der Grund in diesem Seegatt steigt steil von ca. 15 bis auf 2,5m an. Der Wind, eine gemächliche 4 aus West kommt von schräg hinten und der Flutstrom schiebt uns mit ins Lister Tief. Doch trotz dieser moderaten Bedingungen kocht die See auf der Barre, der flachsten Stelle ganz gewaltig. Man kann das kaum beschreiben, und doch ist mit einem Mal dann auch alles wieder vorbei. Der kochende Wasserkessel läuft nicht etwa langsam aus, sondern ist hinter uns ganz scharf vom nun wieder ruhigen Wasser getrennt. Hier will ich definitiv NICHT bei Scheißwetter sein.

Der Rest des Weges wird entspannt und schön. Der Strom schiebt mit bis zu 5 knoten, an Backbord ist bereits die Insel Rømø in Dänemark zu sehen. Dänemark ist in der Ostsee ja oft fast Alltag, doch hier ist es etwas Besonderes. Die Sonne geht auf, und um kurz nach 0700 machen wir im winzig kleinen Lister Hafen fest. Deutschlands nördlichster; und der perfekte Ausgangspunkt um später langsam durch Nordfriesland Richtung Elbemündung zurückzutingeln.

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Ich kenne den Hafen von Land ziemlich gut. Normalerweise ist hier Leben und Remmidemmi. Die Kutter fahren mit Touristen zu den Seehundsbänken, selbige (also die Touristen, nicht die Seehunde) fallen zu Hunderten in die umliegenden Buden und das bekannte Fischrestaurant Gosch, welches hier seinen Stammsitz hat, ein. Hier ist immer was los. Doch jetzt, morgens um 0700 ist hier kein einziger Mensch zu sehen. Kein Einziger. Alles ist verlassen. Echt mal ein ungewohnter Empfang auf Sylt…

 

 

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