Land in Sicht!!! – Ankunft in Eyemouth

Zu Beginn der Nachtwache bin ich noch reichlich müde. Man fängt dann immer ganz leicht an zu halluzinieren, sieht einzelne Lichter aufblitzen oder ähnliches. Doch halt, dieses Licht war jetzt schon zum zweiten Mal an der gleichen Stelle. Vielleicht ein Fischer der in den Wellentälern kurz verschwindet denke ich mir. Als sich da Leuchten einige Minuten lang immer im exakt gleichen Rhythmus wiederholt ist klar: Land in Sicht! Das da vorne, in etwa 30sm Entfernung ist der Leuchtturm Longstone!! So langsam kann ich verstehen welche Faszination die Leuchttürme in vergangenen Zeiten auf Seeleute gehabt haben. Ich denke mir, dass es nun geschafft ist, freue mich auf die Ankunft am nächsten Tag und bringe die vermutlich letzte Nachtwache hinter mich bevor ich gegen 0400 abgelöst werde und mich noch mal aufs Ohr legen kann. Bald sind wir da.

Die Nordsee hatte jedoch noch andere Pläne mit uns. Als ich gegen 0500 in der Koje liegend in einem Wellental fast abhebe ist klar, dass der Wind mal wieder aufgedreht hat. Ich gehe an Deck, um mir das ganze mal anzuschauen und grummel in mich hinein. Der Wind hat auf Schlag gedreht und  ein ganzes Stück früher als erwartet zugelegt. Noch dazu kommt er nicht wie angesagt aus Südwesten sondern wird durch den Firth of Forth, eine tief eingeschnittene Förde in Schottland, wie durch eine Düse nach NNW umgelenkt. Man kann sich das ganze so in etwa wie den Effekt vorstellen, der einen bei starken westlichen Winden in der Flensburger Außenförde erwartet. Nur eben mal 10.
Eine kurze Überlege- und Abwägungsphase folgt. Der Wind bläst jetzt schon mit etwa 20kn von vorne. Natürlich könnte man das aufkreuzen. Der Hafen von Arbroath ist jedoch ab halber Tide mit einem Schleusentor verschlossen, wir müssten spätestens um 1600 dort sein. Ob das bei den aktuellen Bedingungen gelingt ist sehr fraglich. Könnte klappen, wir hätten aber überhaupt keine Reserven mehr. Also ist Arbroath nicht mehr sicher zu machen. Ein weiteres Mal macht sich der Bananenkurs bezahlt und wir können uns einen Hafen südlicher aussuchen. Die Wahl fällt auf Eyemouth. Immerhin schon in Schottland. Eigentlich mag ich dieses Gefühl, gemachte Pläne aufgeben zu müssen ja nicht sonderlich, aber heute ist das irgendwie egal. Ein Törn über die Nordsee lässt einen die richtigen Prioritäten setzen.

Die letzte Kreuz wird durch den zunehmenden Wind allerdings zur Tortur. Die Welle die sich aus NNW rasch aufbaut kämpft mit der aus Dünung aus SW der letzten Tage. Und wir hart am Wind mittendrin. Aber wo sollen wir jetzt auch hin außer in Richtung Land. Wenigstens wird das ganze mit jeder Meile, die wir uns dem Land nähern, erträglicher. An Kaffeeaufsetzen ist bei dem Wind nicht zu denken. Der Anblick des ersten „richtigen“ Landes elektrisiert am frühen Morgen dann aber trotzdem. Hohe Hügel, Täler und einige Klippen sind auszumachen. Wir sind in Great Britain angekommen – die Nordsee ist geschafft.  Und dazu scheint auch noch die Sonne. Ich setze das Fernglas kaum mehr ab. Und gleich am ersten Tag fällt mir dann auch  das erste Castle sofort ins Fernglas. Schon die ersten paar Minuten Landsicht machen deutlich, dass wir an einer völlig fremden Küste gelandet sind.

Zu viel Ablenkung ist aber nicht erlaubt. Hier an der Ostküste liegen unzählige Fischernetze und Bojen verstreut. Daran hängen Lobster Pots, Käfige zum Hummerfang. Kann man sich super drin verheddern. Entgegen den Dingern in der Ostsee sind die hier aber maximal mit einem kleinen Kugelfender markiert und entsprechend schwer zu entdecken. Oft ist es schon zu spät. Ein Grund mehr warum ich die englische Ostküste auslassen wollte. Nach einer Erhebung einer englischen Segelzeitschrift hatte bisher jeder zweite Round-Britain Skipper ein unangenehmes Aufeinandertreffen mit den Lobster Pots… Besonders erfolgreich kann der Fang allerdings irgendwie nicht sein. An der gesamten britischen Nordseeküste ist mir bisher kein Hummer im Restaurant oder zum Verkauf untergekommen. Vielleicht brauchen die Fischer deswegen so viele Bojen… 😉

Heute haben wir aber Glück und treffen keinen Lobster Pot. Mit jedem Kreuzschlag wird die Küstenlinie rauher und eindrucksvoller und gegen Mittag liegt die Ansteuerung von Eyemouth direkt vor uns. Gleich zum Anfang mitten durch Felsen, die nur mit einer einzigen Leitlinie versehen seind, hindurch. Als wir dann zwischen den Molenköpfe hindurch gleiten fühlt sich das fast unwirklich an. War es das schon?
Nonsuch wird festgemacht und ein kleiner Anleger steht sofort bereit. Auch ohne den werden die Knie an Land schnell schwach. Nach den 4,5 Tagen auf See wird man eher land- als seekrank. Der Hafenmeister, ein lustiger schottischer Opa, freut sich mit uns und zeigt uns mit einer (noch) ungewöhnlichen Herzlichkeit alle Facilities seines Hafens.

Was folgt ist das erste große Durchatmen. Eyemouth ist ein echter Glückstreffer, ein richtig uriger schottischer Fischereihafen. Der Hafen ist bereits einige hundert Jahre alt uns überall von typisch britischen Steinhäuschen umgeben. Genau so stellt man sich seinen ersten britischen Hafen vor.  Ganz ungewöhnlich für uns Deutsche: Hier sind Yachties und Fischerei völlig gleichberechtigte Nutzer des Hafens. Im Hafen tummeln sich einige Kegelrobben die jeden einlaufenden Fischkutter verfolgen und sich mit artistischen Einlagen jedes Mal einige Fische ergattern. Fast schon dressiert wirken die flapschigen Gesellen und sind DIE Attraktion für die an diesem sonnigen Tag durch den Hafen schlendernden Passanten.

Zwei Tageshighlights steht heute noch an, doch zunächst mal bekommt Nonsuch eine kleine Wellnessbehandlung. Die Tage auf der Nordsee haben Spuren hinterlassen. Alles ist mit einer dünnen Salzschicht überzogen und wirkt stumpf. Obwohl ein Pint frisch gezapftes Ale und eine Dusche eigentlich das tollste überhaupt wären, wird das Boot erst mal einer Komplettreinigung unterzogen und die verschiedenen Schapp-Füllungen, die sich auf der letzten Kreuz im ganzen Schiff verteilt haben, wieder einsortiert. Und dann sind wir dran: Die Dusche war wahrscheinlich die beste meines Lebens. Man merkt richtig wie sich jeder einzelne Muskel unter dem brühwarmen Wasser wieder löst. Als wir dann wieder aussehen wie zivilisierte Menschen geht es  trotz Müdigkeit noch in den ersten Pub. Das muss am Tag der Ankunft einfach sein. Einen typisch schottischer Steak Pie, quasi ein Gulasch mit Blätterteighaube und Chips, den typisch dicken Pommes, dazu  ein Pint schottischen Ciders später ist der Pubbesuch aber auch schon beendet. Nichts geht mehr. Den Weg ums Hafenbecken herum zum Boot gehen wir wie die Opas, kriegen kaum noch die Füße  hoch. Noch in Klamotten falle ich sofort in die Koje. Angekommen in Schottland. Fertig, aber glücklich.

Und was Eyemouth mit dem Monster von Loch Ness zutun hat, erfahrt ihr auch bald….

 

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