Dover – Was bleibt von Great Britain?

Ein weiteres Mal sollte das Wetter den weiteren Fahrplan bestimmen, aber daran bin ich ja schon gewöhnt. Ein akzeptabler Tag stand zur Verfügung, bevor es morgen Vormittag wieder anfangen soll zu blasen. Eigentlich hatte ich mir überlegt nur ein kurzes Stück über den Solent bis nach Portsmouth zu segeln um dort einige Starkwindtage zu verbringen. Doch irgendwie werden dieser Sommer und ich keine Freunde mehr. Auf einmal sollten es nicht mehr 2 oder 3 Tage, sondern gleich n ganze Sturmwoche werden. Normalerweise kann man sich auf Wetterberichte die weiter in die Zukunft reichen als 48h nicht verlassen, doch hier in England scheinen sie irgendwie bei solchen Prognosen leider Recht zu haben. Und so langsam sitzt mir die Zeit im Nacken. Gefühlt ist man ja schon halb zuhause wenn man die weißen Kliffs von Dover sieht, doch von dort sind es auch noch mal deutlich über 300 sm bis nach Hause in Cuxhaven. Und wenn ich jetzt eine Woche in Portsmouth festhänge wird das schon alles ziemlich eng bis Anfang Oktober zuhause zu sein. Also fasse ich einen etwas kühneren Plan:
In einem wird es von Cowes bis nach Dover durchgehen. Verpassen sollte ich laut den Revierführern unterwegs nicht allzu viel und das würde mich ein ganzes Stück nach vorne werfen, selbst wenn ich dann die volle Woche dort festhängen würde. Also Mund abwischen und los.

Es wurde eine besonders spannendes Fahrt. Morgens geht es mit herrlichem Wind den Solent entlang. Selbst jetzt Mitte September scheinen überall noch kleine Regatten stattzufinden. Die Sonne scheint, es geht gut voran und ich erkunde mit dem Fernglas die Umgebung. Ein feiner Segeltag so weit.
Doch einige Stunden später, lange nach dem ich den Solent bei Selsey Bill wieder verlassen habe ändert sich das Blatt. Über dem Ärmelkanal weit im Süden bilden sich innerhalb von Minuten hohe Wolkenberge und ziehen selbstredend in meine Richtung. Der Ärmelkanal zeigt mir mal richtig was er zu bieten hat. Die von achtern anrollenden Wellen werden immer höher, und nur mit dem Groß im zweiten Reff geht es mit über 6,5kn voran. . Dazu peitschender Regen und ein unsicheres Gefühl: Was mag da wohl noch kommen?In den vergangenen Tagen habe ich manchmal über meine vielleicht übertriebene Vorsicht selbst geärgert. Aber dieser Tag zeigt mir wieder einmal, dass ein sonniger ruhiger Segeltag hier innerhalb von MInuten entgegen aller Vorhersagen kippen kann. Und dann sollte man lieber nicht auf die letzte Rille geplant haben und einen Plan B in der Tasche haben. Lange Zeit überlege ich Dover sein zu lassen und einfach nach Brighton oder Newhaven zu fahren. Zwei Häfen die zwar schon verführerisch in Sicht liegen, aber wohl auch unspanndender für die kommende Woche sein würden. Und außerdem wäre es bis dahin auch noch einige Stunden zu segeln und die Ansteuerung scheint bei diesen Bedingungen unsicher. Irgendwann gebe ich mir einen Ruck und setze den neuen Kurs auf das Kap Beachy Head. Es geht also weiter Richtung Dover. Die Belohnung dafür dem nahen Hafen zu widerstehen lässt lange nicht auf sich warten. Püntklich zum Sonnenuntergang lässt der Wind nach. Endlich habe ich auch mal wieder Zeit einige Fotos zu schießen. Den ganzen Nachmittag über hatte ich andere Sorgen und pausenlos zu tun.


Was folgt ist eine ruhige Nacht entlang der Kentish Coast. Als die Sonne aufgeht liegt der riesige Hafen von Dover schon in greifbarer Nähe. Wegen des hohen Verkehrsaufkommens an Fähren, Kreuzfahrern und Arbeitsschiffen meldet sich hier auch jedes noch so kleines Segelboot vor der Einfahrt in den riesigen Vorhafen über Funk an. Verkehrslenkung mit genauen Routenanweisungen wie am Flughafen. Der Aufwand lohnt sich aber, unklare Situationen gibt es so kaum. Von der Hafeneinfahrt bis zur Marina dauert es noch einmal eine halbe Stunde (!!). Glücklich und zufrieden dem Wetter ein Stück weggesegelt zu sein mache ich in der gut ausgestatteten Marina fest, melde mich noch schnell im 24h geöffneten Büro an und falle in die Koje. Als ich Mittags ausgeschlafen habe heult der nahende Sturm bereits im Rigg. Und ich bin trotzdem zufrieden, denn mehr hätte ich in den letzten 24h nicht erreichen können.

Leider ist Dover aber eine ziemliche Ernüchterung. Den Namen der Stadt habe ich seit Jahren und Wochen immer vor mit gehabt. Seit Jahren weil Dover für uns Kontinentaleuropäer eben Einfallstor Nr. 1 nach Großbritannien ist, und seit Wochen weil jede Gezeit, jede Stromangabe rund um die britischen Inseln sich immer auf die Hoch- und Niedrigwasserzeiten von Dover bezieht. Der Hafen ist ja auch nett, maritim und geschäftig. Aber der dahinterliegende Ort ist Dover ist ziemlich traurig. Bisher habe ich mich in fast jedem britischen Hafendorf wohlgefühlt. Ganz gleich wie weit ab vom Schuss es auch war, wie zum Beispiel Whitehills in Nordschottland, überall gab es freundliche Menschen, Herzlichkeit und alles wirkliche einladend (auch wenn die Häuser dort keine Farbe hatten 😉 ). Doch in Dover (Stadt) laufen nur komische Gestalten herum. Die Häuser sind heruntergekommen, die Pubs voll mit Spielautomaten wie eine Banhofssabsteige anstatt ´ner klebrigen Theke und Gemütlichkeit wie ein echter Pub eben. Ausgerechnet an diesem wichtigen Fährhafen und Einfallstor scheint der wirtschaftliche Erfolg eines vereinten Europas komplett vorbeigegangen zu sein. Dover scheint offenbar auch mit etwa 70% für den Brexit gestimmt zu haben. Wenn ich das hier so sehe…. komme ich ganz schön ins Nachdenken.

Schade eigentlich, dass ausgerechnet Dover mein letzter englischer Hafen war. Doch diesen Gedanken verdränge ich ganz schnell wieder, überwiegen doch die schönen Erinnerungen an die letzten Monate. Und irgendwie waren die letzten 24h auch ein Spiegelbild der Reise Round Britain. Entspannte Segeltage und Kampf mit den Elementen zu fast gleichen Teilen, aber auch die damit verbundenen Erfolgserlebnisse,  dramatische Natur und urige Häfen mit britischer Gemütlichkeit und Gastfreundlichkeit…. so wie Cowes. 😉 Und auch, dass ich am Ende tatsächliche eine ganze Woche mit Lage im Hafen liegen musste bevor es zurück in Richtung Kontinent geht, gehört irgendwie dazu.

Als ich die weißen Kliffs von Dover (definitiv der schönste Teil der Stadt!) hinter mir lasse blicke ich somit auf nicht immer nur auf einfache und entspannende, sondern auch anstrengendem manchmal sogar frustrierende, immer aber lehrreiche, aufregende und spannende Erlebnisse zurück. Eigentlich genau das was man von einer Reise Round Britain erwarten kann. Und so mache ich mich zufrieden auf die Rückfahrt…

 

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