Angekommen!

Angekommen?? Dreht der jetzt um? – Wird sich Mancher jetzt vielleicht fragen, aber ja, heute bin ich angekommen. In Möntu auf Saaremaa in Estland. Möntu ist eigentlich nur eine schmucklose Betonpier im Nirgendwo, warum also angekommen?
Möntu markiert jedoch das Ende der vielleicht anstrengendsten und langwierigsten Etappe des Sommers. Seitdem ich Christiansø verlassen habe und an der polnischen Küste angelandet bin, sah ich nur eine endlose eintönige Küste mit ihrem Baumstreifen und dem davorliegenden Strand an Steuerbord vorbeiziehen. Es gibt wenige Häfen, diese sind regelmäßig 50sm oder sogar noch weiter voneinander entfernt, bei Schlechtwetter ist man also aufgeschmissen. Die Etappen hier sind dementsprechend anstrengend. Lange Nachtfahrten, ewige Motorsessions, wenig fürs Auge. Viel kann auf diesen Etappen auch schiefgehen, gerade mit einem kleinen Boot. Man könnte unterwegs in schlechtes Wetter geraten, technische Probleme bekommen oder tage- und wochenlang in Häfen eingeweht sein. Umso froher bin ich, dass ich jetzt endlich in die estnische Inselwelt eintauchen kann. Ab Jetzt wird das Segeln wieder „ostseetypischer“.

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12.05
Der Weg hier her führte mich von Liepaja zunächst nach Ventspils. Der Tag war relativ ereignislos. Am Anfang wurde gesegelt, später schlief der Wind leider ein und der Motor musste wieder ran. Ventpils erwies sich leider weitestgehend als Enttäuschung. Der „Yachthafen“ lag in der hintersten Ecke des Fischereihafens. Ähnlich wie in Wladyslawowo, doch da hat der Tag 6€ gekostet. Hier machte man an einer abgeranzten Pier fest, es gab ein WC und eine Dusche auf dem Stand eines russischen Gefängnisses zur Zaren- oder Sowjetzeit. Eigentlich kein Problem,man bewegt sich eben im Balitkum, wären dafür nicht 18€ pro Tag aufgerufen! Der teuerste Hafen der gesamten Reise bisher, einschließlich Bornholm, für absolut nichts! Ich habe absolut kein Problem mit etwas höheren Hafengebühren, doch soll dafür bitte auch entsprechend etwas geboten werden. Wenn jedoch wie hier, der einzige „Pluspunkt“ die geografische Lage ist – man kann diesen Hafen fast nicht umgehen – und dann solche Preise aufgerufen werden, grenzt das an Abzocke. Und das kann ich nicht leiden. Im Hafenhandbuch von Jörn Heinrich von 2006 wird der Hafen noch als modern und gut ausgebaut beschrieben. Das macht die Sache nur noch schlimmer, denn es ist nicht der sowjetische Verfall von 50 Jahren der hier besseres verhindert, sondern man will wohl so viel von den Yachties mitnehmen wie irgend möglich, bis der neu gebaute Hafen wieder verfallen ist. Wer kann, sollte Ventspils also meiden. So, das musste mal raus. 😉
Ventspils an sich entschädigt mich dafür mit einem leckeren Abendessen im urigen Pub im original belassenen Keller des Schlosses und einem traumhaften Sonnenuntergang. Und morgen werde ich ja eh „angekommen“ sein.

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13.05.
Es geht weiter. Kurs auf die estnische Insel Sareema. Wie fast schon üblich leider am Anfang ohne Wind. Dafür gesellt sich nur eine Stunde nach dem Ablegen ein alter Bekannter zu mir: Nebel. Wir haben uns das letzte Mal ja erst in Liepaja gesehen, haben uns also mittlerweile recht wenig zu sagen. Ich kann seinen Besuch grad auch echt nicht gebrauchen, ist doch die Irbenstrasse, die Meerenge welche Saaremaa vom lettischen Festland trennt, stark befahren. Aber nun gut, AIS läuft ja.
Immer mehr Schiffe erscheinen auf dem AIS, am Ende dämmerts mir dann: Knapp 20 der Schiffe um mich herum sind Krieger aller Art, hier findet das politisch groß angekündigte NATO Seemanöver statt! Und ich im pottendicken Nebel bei Sichtweiten um die 300m also mittendurch. Ich zweifele an meinem Geisteszustand, aber umzukehren nach Ventspils, ein stark befahrener Industriehafen, wäre auch nicht sicherer. Zwischen den Nebelschwaden bekomme ich sogar das ein oder andere Kriegsschiff zu Gesicht. Briten, Schweden, Esten, Letten, Deutsche Marine, Polen, Norweger, Dänen, alles ist hier versammelt…
„Sailing Vessel Nonsuch (Man erkannte mich ja, dank AIS Transponder), this is Swedish Warship M77 on Ch 16“ krächzt es dann auch irgendwann aus der Quäke. Einer der Minenleger vor Anker liegt direkt in meinem Kurs und möchte bitte mit 1KM Sicherheitsabstand umfahren werden. Kein Problem, machen wir. Schnell den Kurs leicht korrigiert, kalkulierter Passageabstand 1600m, alles gut. Wenn die Kollegin nicht auf einmal auf die Idee gekommen wäre Kniegas zu geben und voll in meinen Kurs zu brettern. Naja gut, leichtes Kopfschütteln, einen Zacken gefahren, und dann ist es auch schon vorbei, will die Mädels und Jungs ja nicht stören. Während der ganzen Aktion habe ich die M77 übrigens bei ca. 100m Sicht nur virtuell auf dem Kartenplotter als AIS Signal zu sehen bekommen. Wieder einmal hat sich der Transponder also bezahlt gemacht. Das Gerät ist echt sein Gewicht in Gold wert. Die „Amira“, welche mir seit Ventspils wieder folgte, hatte keins, und wurde wenige Stunden später vom selben Krieger ganz anders behandelt: Von Begleitbooten abgedrängt mit allem drum und dran….

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Als ich später in Möntu angelandet war, gab es übrigens auch noch eine angekündigte Testexplosion, welche ich noch 30km(!!!) weiter hören konnte. Der Sicherheitsabstand war also nicht zu großzügig bemessen. 😉
Pünktlich zum Überschreiten der Estnischen Seegrenze kam dann auch noch Wind auf, ein herzliches Willkommen! Beleidigt darüber, dass ich nicht mehr mit ihm rede zog dann auch auch Herr Nebel eine halbe Stunde vorm Hafen davon. Vor mir tauchte Möntu auf. Der Hafen dort wird nach 2005 nun endlich saniert und ist eigentlich geschlossen, der Hafenmeister ließ sich aber dennoch überreden mir Unterschlupf zu gewähren. Zu meiner Überraschung waren jedoch sogar alle Einrichtungen geöffnet. Diese schmucklose Betonpier im Nirgendwo erscheint mir mit jeder Minute reizvoller. Und ich bin endlich angekommen. Die Anreise in meinen Segelsommer ist beendet und ein spannender und schöner Tag auf See geht zu Ende. Hochgefühle stellen sich ein, mir geht es prächtig.
Wenige Stunden später trifft dann auch die „Amira“ ein, und wir betrinken den Beginn unseres Urlaubs entsprechend. Der Abend wird lang.

 

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