Kreuzunglücklich

Auf einer Reise wie dieser erlebt man viele Höhepunkte. Doch über Rückschläge und Missmut zu berichten gehört ebenfalls dazu. Und leider gibt es im Moment genügend Anlass dazu. Irgendwie kommt gerade alles auf einen Schlag.

Als sich das Westwindfenster nach Mittsommer nicht öffnete, war klar was folgen sollte: Der starke Nordwind, der mich schon seit Turku nervte, würde bleiben. Zu dem Zeitpunkt störte mich das noch nicht so sehr, denn ich musste ja eh durch den Schärengarten, und da ist Segeln an manchen Stellen eh nicht sicher möglich. Doch jetzt? – Jetzt habe ich mir, wo ich schon so weit gekommen bin, in den Kopf gesetzt weiter nach Norden zu fahren. Und da ist dauerhafter Nordwind von stärkerem Kaliber nun einmal ungünstig.

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Nachdem ich also Samstag nicht gen Nord starten konnte, fuhr ich erstmal in das nahegelegene Uusikaupunki um wenigstens das Deutschland Spiel verfolgen zu können. Einmal hab ich Glück gehabt, trotz Mittsommer hatte eine Kneipe geöffnet. Sonntag war dann hier Weltuntergang angesagt, es goß aus allen Rohren. Dazu pfiff es mal wieder mit 5-6 aus Nord. Leider hat der ständige Nordwind noch einen anderen gehörigen Nachteil: Er bringt massenhaft arktische Luft in die Gegend. Schade, hatte ich mich doch schon so an den Sommer gewöhnt. Tagestemperaturen um die 7-8 Grad, machen das Ganze nicht angenehmer und führen dazu, dass mich auch noch eine Erkältungs-/Grippekombination besucht. Der Tag wird also, wie auf der folgende Montag bei gleichem Wetter, im Hafen verbracht.

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Gestern reichte es mir dann.Die Stadt ist zwar ganz nett aber nicht wirklich spannend. Die Wetterberichte ließen die Hoffnung aufkeimen, dass der Wind zumindest leicht nachlassen würde. Mir doch egal wenn Nordwind ist, nach einer bestimmten Zahl von Hafentagen lässt sich jeder Skipper zum Aufbrechen verleiten. Zunächst versuchte ich dann vor den Schären aufzukreuzen. Das habe ich dann doch lieber bleiben gelassen. ´Ne ganz anständige Welle, und doch wieder die gewohnte Nord-6, ließen das ganze eher sinnlos auf lange Sicht erscheinen. Nächster Versuch: Innerhalb der Schären zu kreuzen. Das funktionierte am Anfang auch, doch irgendwann nahm auch hier der Wind weiter zu. Innerhalb von 2 Stunden hatte ich schon 14 Wenden gefahren. Und 4,5 NM nach Norden gut gemacht. Und ewig würde der Schwellschutz durch die Schären auch nicht anhalten. Keine wirkliche Perspektive auf lange Sicht. Also ging es mit eingekniffenem Schwanz zurück nach Uusikaupunki. Ich hätte wirklich Kotzen können, so langsam geht mir das hier richtig auf die Nerven. Zum frühen Abend wurde der Nordwind dann noch von Hagelschauern und Gewittern begleitet. Abgesehen von WetterWelt, hatte die natürlich keiner – aber auch wirklich keiner – auf der Palette.

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Das deprimierendste an der Situation: Dieses Wetter hält sich schon seit über einer Woche und wirkliche Besserung ist auch nicht in Sicht. Auch die Großwetterlage lässt – zumindest seglerisch – nichts gutes verheißen, denn wenn das Tief, welches hier in den letzten Tagen vorbeigezogen ist, endlich mal seinen Einfluss verliert dreht sich das ganze Spielchen um. Dann übernimmt ein großes Hoch NW-lich von Norwegen, und das heisst Schwachwind. Also wohl wieder dümpeln und motoren. Es ist echt zum junge Hunde kriegen… Ich sitze jetzt erstmal im Hafen, lecke die Wunden von gestern, mache ein paar kleinere Reparaturen, versuch den Ärger ein wenig zu verdrängen, und hoffe, dass bald mal ein wettertechnischer Lichtblick am Horizont erscheint.

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Man bekommt in solchen Situationen oft so Ratschläge wie „Sei doch froh, dass du überhaupt auf dem Wasser sein kannst“. Das ist zweifelsohne richtig, das will ich auch gar nicht in Abrede stellen. Aber stellet euch mal vor, ihr steht auf der Fahrt in den Urlaub tagelang bei Kälte im Stau. Nur die optimistischsten Frohnaturen oder der größere Einsatz psychotischer Substanzen würde da wohl zu dem Gedanken kommen: „Wenigstens fahre ich überhaupt in den Urlaub“, sondern eher den Bulldozer herausholen oder HB-Männchen spielen. Gerade wenn man lange unterwegs ist geraten solche Situationen zur psychologischen Belastungsprobe. Das Gefühl fest zu hängen, nicht vorwärts zu kommen, und selbst mit viel Einsatz nichts daran ändern zu können, macht auf Dauer unglücklich. Da man sich ja nicht im kurzen Urlaub befindet, fehlt da schnell die Einstellung „Das Beste draus zu machen“. Und da selbst verzweifeltes Kreuzen bei dem starken Wind im Moment nicht weiterhilft  wird man unglücklich – kreuzunglücklich. Vielleicht spielt auch die Tatsache, dass ich bald schon 3 Monate unterwegs bin, die Hälfte dieses Segelsommers also schon um ist, und ich gerade in diesem Moment hier festhänge, eine Rolle. Und das ist ja irgendwie auch etwas positives. Solche Gedanken heissen ja auch, dass der bisher erlebte Zeit alles andere wert war… Und heute lässt sich neben dem auch konstant 6 Bft aufgefrischten Wind wenigstens mal die Sonne zwischen den Wolken wieder blicken.

Hoffentlich gehts bald Bergauf! (Nur nicht der Wind bitte… 😉 )

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11 Gedanken zu “Kreuzunglücklich

  1. moin Max auch wenn ich mich wiederhole, las den Quatsch und fahr nach Stockholm, luscher da ein paar Tage rum. Danach kannst Du in aller Ruhe den Götakanal machen, die meisten ärgern sich weil sie da nur durch jagen. Du hast alle Zeit der Welt.
    Die 700 Meilen um einen Postkasten zu besuchen kannst Du Dir sparen

    sonnige Grüße aus Kaptown
    Sven

  2. Da habt ihr beide nicht ganz unrecht. Aber darum geht es in erster Linie allein auch gar nicht. Ich würde mir damit auch so Traumreviere wie die Höga- und Norrlandskusten abschneiden. Und wo ich doch schon mal hier bin… So schnell kommt man ja hier nicht wieder her…

  3. Du kannst beim Segeln nichts erzwingen.
    Wenn es nicht passt, nimm Plan B.
    Die Höga Kusten läuft Dir nicht weg.
    Ich wünsche Dir viel Wetterglück,
    Jan

  4. Hey Max …. lass den Kopf nicht hängen. Ich verstehe Dich, es heisst Segelboot und nicht Motorboot …..
    Aber es wird besser …. es dauert nur. Du bist dennoch in einer komfortablen Lage, Du hast (fast) unendlich Zeit. Die mit zwei nur Wochen Urlaub haben bei Wind gegenan mehr Zeit-Stress.
    Dir alles Gute und vor allem mojen Wind.
    Also

  5. Lieber Max,
    das kennst Du doch, nach Regen kommt tatsächlich meist Sonnenschein. Lass den Kopf nicht hängen!
    Gute Besserung
    Heide

  6. Hallo Max,
    dich hat es scheibar wirklich schwer erwischt.
    In Uusikaupunki hatte ich den Eindruck, du hast dich in deinem Boot wie in einem Schneckenhaus verkrochen.
    Schade, so ist aus einem Plausch und dem avisierten Biertrunk nichts mehr geworden.
    nach 5 Tagen noch kein neues Lebenszeichen?
    ich gehe aber fest davon aus, das du wieder frohgemut untetwegs bist.
    Vielleich bist du für dieses Jahr einfach nur zu früh los gesegelt.
    Aber am wichtigsten ist glaube ich, das man auf die eigene innete Stimme hört und sich nicht durch gut gemeinte Ratschläge irritieren lässt.
    in diesem Sinne eine weiterhin gute Reise und Erfüllung DEINER Träume.
    P.S.: Ich hoffe das dir geliehene Buch Norrlandskusten ist dir dabei eine Hilfe.
    Bitte vergiss nicht Deine Eindrücke darin zu platzieren.

    Gooden Wind
    Sailing-Rainer
    SY Swantje

    • Hi Rainer,
      jo, mittlerweile hab ich in einer Trotzaktion gut Boden nach Norden gut gemacht. Hoffe ihr seit gut auf den Ålands angekommen! Danke nochmal für die Leihgabe. Werde sie gut ergänzen!

      Viele Grüße aus Vaasa,
      Max

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