Tage wie dieser – 191 Tage später

Es ist vollbracht. Am Sonntag den 05.10.14 um 1457 habe ich  nach 191 Tagen mit der Nonsuch in Kappeln festgemacht. Der Segelsommer ist vorbei, die Ostsee ist bereist.

Aber der Reihe nach. Nach meiner Nacht vor Anker in der Flensburger Förde wollte ich noch einige ruhige Tage verbringen bevor ich zur Schlei ziehen würde. Also ging es zunächst noch mal zurück in die dänische Südsee nach Birkholm und von dort nach Laboe. Über diese Tage werde ich erst mal nichts schreiben, denn sie dienten nur mir selbst zum Sammeln der Gedanken.

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Außer einer Gegebenheit, die ich euch natürlich nicht vorenthalten kann: Am 03.10 habe ich auf dem Weg nach Laboe nämlich das erste Mal meine Kurslinie aus dem April gekreuzt. Ich segelte bei herrlichen leichten Winden der Kieler Förde entgegen, als auf dem Plotter plötzlich diese rote Linie quer vor mir auftaucht: Meine Kurslinie. Obwohl es herrlicher Sonnenschein ist, ist in meinen Gedanken schlagartig Nacht. Ich denke nämlich zurück an die Nacht, als ich hier im Stockdunklen den Großsschifffahrtsweg kreuzte, wie die Positionslaternen der Frachter an einer Perlenschnur entlangzogen, wie ich durch die Hohwachter Bucht Kurs Wismar gesegelt bin. Das Ganze ist 6 Monate her. Aber mir kommt es vor, als wäre es erst gestern gewesen. Aus dem Kopf weiss ich das Wetter und Barometerstand von damals, wie ich mich auf die Fahrt ins Ungewisse gefreut habe, wie ich die kalte Nacht durchgefahren bin. Solche Gedanken kommen mir in den letzten Tagen immer öfter. Ich fühle mich, als wäre ich gerade mal 3 Wochen unterwegs, so lebendig sind alle Erinnerungen. Und doch fühlt es sich an, als würde ich nach einem ganz normalen Wochenendtörn aus Dänemark zurück kommen. Alle Erinnerungen kommen nur hin und wieder mal hoch, doch dann sind sie dann so klar als wäre es gestern gewesen. Ich frage mich ganz ernsthaft nicht nur einmal, ob ich das letzte halbe Jahr vielleicht geträumt habe.

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Von Laboe geht es dann auf den letzten Einhand-Tag nach Eckernförde. Und noch einmal beschert das Wetter mir einen Segeltag wie man ihn sich besser nicht vorstellen könnte. Schöne 5 Beaufort Halbwind bis Raum, konstant über 6kn auf der Logge, so geht es in die Eckernförder Bucht. Auf einmal ist auch wieder viel auf dem Wasser los. Alle deutschen Segler zieht es zum langen Einheitswochenende nochmal aufs Wasser. So viele Yachten habe ich seit Stockholm vor genau 2 Monaten nicht mehr gesehen. Funfact nebenbei: In 6 Monaten Ostsee wurde auch nie so viel Blödsinn über den UKW-Funk gesendet. „Seemöwe, Seemöwe, hier ist Carpe Diem, bitte kommen. over. – Ja der Skipper ist grad pinkeln, hier ist Ilse, kann ich dir auch weiterhelfen?“. In der Fülle gabs das nirgendwo, was mir durchaus den einen oder anderen kleinen Lacher entlockt. Ich fühle mich wohl.

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Irgendwie freue ich mich aber auch wieder, viele deutsche Segler zu sehen. Denn es wird sich nirgendwo so viel zugewunken unter Sportskameraden wie hier. Auch so eine schöne kleine Tradition. Und beim Anblick meiner Gastlandflaggen sind auch immer wieder hochgehobene Daumen, Grölen, Rufe und sogar einmal Klatschen dabei. Ich freue mich. Eigentlich war ich ja nur 6 Monate segeln und habe nichts besonderes gemacht aber doch wärmt es einem irgendwie das Herz. Auch in Eckernförde kommen schnell viele Gespräche zusammen.

Ich hab aber erstmal richtig zu tun. Schnell aus dem Ölzeug gepellt (es hat über 20 Grad an diesem 4. Oktober) und die 6-Monats-Jungsellenbude mal feucht – ach ne, das hat der Westwind schon zur Genüge getan – trocken durchgewischt. Für heute Abend hat sich nämlich der erste Besuch von Segelfreunden aus Kappeln angekündigt.

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„Boah siehst du verlottert aus!“ – Diese vertraute Freundlichkeit unter guten Seglerfreunden habe ich ernsthaft und ohne Ironie vermisst. Es ist als wäre ich nie weg gewesen. Vom ersten Moment ist alles wie immer. Wir trinken und lachen zusammen und tauschen Geschichten des Sommers aus. Wieder frage ich mich, ob ich die letzten 6 Monate nur geträumt habe.

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Doch nun steht er an. Der große Tag. Der Tag an den man seit Monaten immer mal wieder denkt. Von dem man sich immer wieder gefragt hat wie er wohl werden würde. Und, das sei vorweggenommen, ich hätte ihn mir nicht schöner ausmalen können. Neben obigem Spruch wirft mir Frank in Eckernförde auch gleich seinen Schlafsack an die Birne. Er wird mich auf dem letzten Stück nach Kappeln begleiten. Was könnte es schöneres geben, als diese Heimkehr mit einem guten Segelfreund zu teilen?
Aber diese komische Stimmung hält an. Wir frotzeln, segeln, trinken und lachen wie immer zusammen. Aber doch liegt ja irgendwas in der Luft. Und kurz vor 12 Uhr taucht dann nach 6 Monaten die Mole von Schleimünde wieder vor uns auf. Selbst einige Tage später kann ich immer noch nicht beschreiben was mir in diesem Moment alles durch den Kopf geht. Freude, Trauer über das Ende, hunderte Erinnerungen, Erwartungen an die Zukunft, Gedanken was sich wohl verändert haben mag. Ich bin voll von Adrenalin und alles schlägt in Freude um. Doch erstmal machen wir in Schleimünde fest. Beziehungsweise Frank, denn mir wurde verboten vor Kappeln an Land zu gehen. Wir treffen dort auch die ersten Vereinsboote, die sich uns spontan für die Heimfahrt nach Kappeln als Eskorte anschließen.

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Immer höher wird die Anspannung, immer besonderer wird dieser Tag. Überhaupt, an diesen Tag werde ich wohl mein Leben lang denken. Er steht in einer Reihe mit Graduation, Hochzeit, ähnlichem. Ein einmaliges Erlebnis jedenfalls, und immer mehr wird mir das bewusst. Frank dreht sich zu mir: „Es ist so weit“.

Die letzten 4 Meilen dieser langen Reise stehen an. Noch 8000m bis Kappeln. Und alles spielt zusammen. Sogar der Wind, der immer noch aus Osten kommt, denn dass man die Schlei wirklich reinsegeln kann kommt nicht alle Tage vor. Die Sonne scheint, einen guten Freund dabei  und 6 Monate auf See im Gepäck. Die Stereoanlage brüllt so laut sie kann, und wir singen mit. „Tage wie Diese“ von den Toten Hosen, mein Lieblingssong „Midnight City“, so Klassiker wie „Danger Zone“. Zu unserem Erstaunen ist nichtmal irgendein Entgegenkommer oder Überholer genervt. Jeder hat Verständnid für diese unbändige Freude, für dieses Auskosten des Augenblicks.
Und als ich denke mehr geht nicht, reicht Frank mir das Fernglas: Riesige Vereinsstander wehen weit vor uns im Fahrwasser: Noch mehr Vereinsschiffe und Freunde schließen sich uns an. Gasfanfaren, Nebelhörner, Stereoanlagen, kalte Getränke und Sonne. Das Schleifahrwasser ist eine einzige Party. Mein Zwerchfell vibriert schon vor Freude, was kann jetzt noch kommen? Dabei sind wir noch gar nicht da…

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Aber bald kommt die Kappelner Klappbrücke in Sicht. Noch 10 Minuten, dann ist alles vorbei. Dann sind es noch 5, dann geht die Brücke wie ein Haustür auf. Die Musik, die Hörner, die Touristen am Kai, die gar nichts mehr verstehen. Eine einmalige Stimmung. 5 Minuten des absoluten Glücks an die ich noch in dutzenden Jahren denken werde. Auf dem Kai warten weitere Freunde und Familie. Und nun hält mich nichts mehr. Feuerwerk, Lärm, und sogar ein spontanes Bad noch vor dem Anlegen folgen.

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Ich weiß nicht ob meine Schilderungen hier vielleicht abgehackt und überschwänglich klingen, doch genau so unkontrolliert fühlte ich mich in diesen Momenten. Alles zieht wie in einem Film an mir vorbei. Ein Festmacherbier mit Freunden am Steg, ein tolles Abendessen mit der Familie, was könnte es noch besseres geben? Einen schöneren Tag hätte ich mir wirklich nicht vorstellen können.

Doch nun geht es ans ausräumen. Und immer noch bin ich völig überwältigt. Es ist als hätte ich Kappeln nie verlassen. Im positiven Sinne. Und dann tauchen wieder diese Erinnerungen auf… Und ich frage mich, was bleibt. Ich habe das Gefühl,  der spannendste Teil der Reise beginnt jetzt erst. Und das ist doch irgendwie auch nicht schlecht…

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Beim ersten Ausräumen und Verarbeiten nehme ich mit einigem Anderen auch die Logbücher das erste Mal näher ins Visier. Die größten Schätze aus 6 Monaten. Eigentlich wollte ich nur 6 Monate segeln gehen. Am Ende aber ist die bisher größte Einhand-Rund-Ostsee Reise daraus geworden. Ich habe in 191 Tagen  10 Länder besucht, 3.765sm hinter mich gebracht, den westlichsten, nördlichsten, südlichsten und östlichsten Punkt der Ostsee besucht. Das gab es in der Fülle so meines Wissens  nach noch nicht. Vielleicht nur eine kleine Randnotiz, denn eigentlich wollte ich doch nur nach dem Studium segeln gehen, aber für mich irgendwie auch etwas was bleibt.

Und jetzt geht es nachhause nach Hamburg. Mal sehen wie mich das „echte“ Leben wohl erwartet. Oder habe ich das doch gerade hinter mir gelassen?

 

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9 Gedanken zu “Tage wie dieser – 191 Tage später

  1. Hallo Max, ich durfte im Frühjahr deine Leinen in Wismar entgegen nehmen.
    Ich habe jeden deiner Beiträge gelesen und bin beim Lesen ins Träumen geraten.
    Schön das es dir möglich war, so eine Reise zu absolvieren.
    Tolle Leistung.

    Gruß Jürgen aus Wismar

    • Hi Jürgen!
      Wismar…Lass mich überlegen.. Gefühlt war das letzte Woche oder? Nein Spass, natürlich erinnere ich mich noch. Und vielen Dank noch mal für deine Hilfe mit den halb geöffneten Einrichtungen! Freut mich, dass ich dir mit den Berichten eine Freude bereiten konnte! Vielleicht sieht man sich ja irgendwo mal wieder auf dem Wasser..

      Max

  2. Hallo Max, ich habe Deine Reise durch Deinen Blog miterleben dürfen. Vielen Dank für die Mühe und Arbeit, die Du Dir damit gemacht hast. Es war stets eine Freude eine Mail zu erhalten, in dem ein neuer Blogeintrag verkündet wurde. Ich hoffe Du kommst gut wieder in dein „normales“ Leben rein. Das Erlebte kann Dir niemand mehr nehmen und Du kannst Dein ganzes Leben davon zehren. Ich bewundere Deine Leistung und freue mich für Dich, dass Du gesund und munter wieder zurück gekommen bist. Der Empfang durch Deine Freunde hätte schöner ja nicht sein können. Alles Gute für die seglerische und private Zukunft!

    • Moin Christian,
      Das freut mich sehr, vielen Dank! Ja mit dem Eingewöhnen ist das so eine Sache. Ich habe ja schon geschrieben, dass jetzt einer der spannendsten Teile einer solchen Reise beginnt. Die ein oder andere Anekdote habe ich da auch schon erlebt… 😉

      Das denke ich auch. Deswegen war der Sonntag ja auch so besonders für mich. Da werde ich noch Jahrzente dran zurückdenken..

      Viele Grüße,
      Max

  3. Hey Max,

    Glückwunsch auch von meiner Seite und auch „danke“ für die schönen gemeinsamen Tage zwischen Mariehamn und Oxelösund.

    6 Monate ist wirklich eine ordentliche Hausnummer – da komme ich mir mit meinen 90 Tagen ganz klein vor. Respekt!

    Bin gespannt auf weitere Berichte. Außerdem nochmals an dieser Stelle: Die Bilder sind wirklich toll geworden und ich freue mich auch schon auf den Austausch „unserer“ Bilder vom Juli/August.

    Luke
    SY Eisbeere

    • Moin ins Binnenland!

      Ach Quatsch, du hast doch mindestens genau so viel erlebt!
      Klar, das machen wir noch! Am besten bei Bier und Jäätelö! 😉

  4. Hallo Skipper,
    a very warm welcome!
    Hoffentlich schwankt der Boden nicht mehr unter Deinen Füßen, das war ´ne wirklich schöne emotionale
    Schilderung
    Liebe Grüße
    Heide

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