Motala. Ein Wendepunkt

Noch Mittags verlasse ich Borensberg also und fahre noch weiter nach Motala. Hatte halt irgendwie noch Lust weiterzufahren, auch wenn ich eigentlich so viel Zeit wie möglich auf dem Kanal verbringen möchte. Aber Instinkten soll man ja folgen. Also geht es bei strammem Gegenwind über den Borensee zur nächsten Schleusentreppe in Borenshult. Man muss ja in Form bleiben. 😉 Die Fahrt bis zum Hafen führt dann quasi mitten durch die Stadt. Vorbei am alten Industrieviertel Motala Verkstad, mitten durch die Vorgärten schöner Häuser und vorbei am Grabmal des Kanalerbauers. Überhaupt scheint Motala die Stadt des Götakanals zu sein. Er, und nicht der mächtige Vättern See, prägt das Stadtbild. Die Kanaverwaltung befindet sich hier, das Gymnasium nennt sich nach dem Erbauer Platengymnsiet, jedes zweite Museum beschäftigt sich mit dem Kanal. Das macht die ganze Sache irgendwie gleich sympathisch.

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Am Abend ziehe ich mal wieder los. Ich lerne einige junge Schweden kennen. Beziehungsweise eher sie mich, denn zwei von denen arbeiten an den Schleusen und haben mich wiedererkannt. Nach dem die üblichen Fragen wie ich hier her komme und wieso ich so eine Tour mache, abgearbeitet sind, haben wir einen echt netten Abend, der bei estnischen Restgetränken an Bord auch noch nach der schwedischen Sperrstunde lange weitergeht. So ist an Abfahrt am nächsten Tag auch nicht zu denken. Egal, ich wollte sowieso mal eine Pause einlegen und die Stadt gefällt mir wirklich gut. Und das ist bei schwedischen Kleinstädten nicht wirklich selbstverständlich. Bei aller romantischen Verklärung, die man bei schwedischen Dörfern und Landschaften gerne an den Tag legt, die kleinen und mittleren Städte sind meistens von Bausünden der 60er und 70er dominiert. So fällt Motala auch in der Hinsicht angenehm auf. Ich verbringe diesen Tag nach langem Ausschlafen auf jeden Fall erst mal mit Stadterkundung. Ich laufe am Kanal entlang zurück nach Motala Verkstad und streune durch die alten, teilweise verlassenen Industrieanlagen. Motala war auch nach der Kanalbauzeit ein Zentrum der schwedischen Industrialisierung und des Stahlbaus. An vielen Brücken in ganz Schweden, sieht man heute noch Plaketten, die ihre Herkunft von hier verraten. Auch das kleine Kanalmuseum lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Danach schaue ich noch bei meinen neuen Freunden von der Schleuse vorbei und lasse mir den Tip „Motormuseum“ geben. Die sind zwar eigentlich oft fast so inflationär wie Schifffahrtsmuseum, ich lasse mich aber trotzdem überreden. Und die Bude hatte es echt in sich. Nicht Dutzende, fast schon hunderte alte Autos und Motorräder aus allen (!) Epochen werden ausgestellt. Ein Kindheitstraum für jeden Mann.

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Wie ich abends so gemütlich am Schiff sitze, überkommt mich eine seltsame Zufriedenheit. Ich kann gar nicht mal erklären warum gerade hier und jetzt, aber ich merke, dass ich mit dieser Reise gerade genau das Richtige mache. Ich denke zurück an all die Erlebnisse die ich bereits hatte, und registriere, dass ich bereits über 4 Monate unterwegs bin. So mancher in meinem Bekanntenkreis hat gezweifelt ob das wirklich eine gute Idee sei. Und solche Gedanken reissen einen manchmal auch mit. Selbst wenn man abfährt. Heute ist das aber alles anders. Ich bin froh, hier zu sein und dankbar für all die Erlebnisse der letzten Wochen. Jeder Segler kennt diesen Moment den ich grad beschreibe: Man sitzt abends auf dem eigenen Boot und alle kleinen Probleme des Alltags spielen keine Rolle mehr.

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Anderntags lade ich die Schweden dann zu einem Tagestrip nach Vadstena, einem kleinen Ort in der Nähe, ein. Vadstena ist unter Seglern nur für eine Attraktion bekannt: Den Hafen im Burggraben des mittelalterlichen Wasserschlosses. Wir parken also direkt neben dem Badezimmer des Königs. Oder so ähnlich. Ein typisch schwedischer Landgang folgt: Eis und Minigolf. Beides gibt es in Schweden an jeder Ecke und ich werde mal hautnah in die schwedischen Sommertraditionen eingeführt. Man spricht hier übrigens tatsächlich schon HERBST!!. Wie das bei 25 Grad Sinn machen soll, erschliesst sich mir aber irgendwie nicht. Aber egal, zurück nach Motala. Schön entspannt, nur mit dem Frontlappen draussen, dümpeln wir zurück. Ein herrlicher Tag. Ich komme eigentlich wunderbar alleine zurecht, bringt einem das doch auch viele besondere Momente beim Segeln. Aber heute merke ich, dass es mir doch manchmal fehlt mit den richtigen Leuten das Segeln zu teilen. Umso besonderer erscheint der Tag heute dann natürlich. Und wieder einmal frage ich mich auch, warum eigentlich so wenige in meinem Alter segeln. Jeder, den ich mal mitnehme, ist immer sofort vom Sport und Lifestyle Fahrtensegeln begeistert. Was muss man also ändern, um mehr Twens dazu zu bekommen?

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Das Gelage fällt heute kürzer aus, und so versuche ich tags drauf Motala zu verlassen. Versuchen, weil der Vättern seine Binnenzähne zeigt. Nix mit Teichsegeln. Bei Südwest 5 steht hier eine dermaßene Welle, dass selbst die Fahrt Amwind 20SM nach Karlsborg ans andere Ufer zur Tortur werden würde. Muss nicht sein, habe ja Urlaub. „Das habe ich gleich gesssagt“, meint der ältere Schwede im Hafen zu meiner Rückkehr. Naja. Noch ein Tag in Motala ist nun wirklich keine Qual…

 

 

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