Der Vorhang für den Sommer fällt – Anholt

Ich wollte auf der Rückfahrt unbedingt noch auf Anholt vorbeischauen. Die Insel hat mich bei meinem ersten Besuch dort nachhaltig fasziniert. Der Haken dabei: Ich müsste von Albaek wohl durchfahren, denn am nächsten Tag soll ein erster Herbststurm aufziehen. Bis dahin soll der Ostwind aber noch wehen…

Kurzes Nachdenken und dann los! Der erste Teil der Reise verläuft unspektakulär. Die Sonne scheint, der Wind weht leicht aus Ost und so geht es entlang der jütländischen Küste vorbei an Frederikshavn und Laesø. Es ist ein ruhiger Sommertag wie es schon so viele gab. Der Gennacker steht, ich muss kaum was tun außer mal nach dem Kurs oder anderen Schiffen zu schauen. Ich habe Zeit über vieles nachzudenken, ein wenig zu lesen oder ein 1A Mittagessen (Maggi 😉 )zu genießen. Schon den ganzen Tag ist die Sicht aber eher moderat. Vielleicht gerade mal 10km. Und wer meinen Geschichten schon eine Weile folgt, kann sich bestimmt denken was jetzt kommt.

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Ich bin gerade irgendwo im Nirgendwo zwischen der Insel Laesø und Anholt und nach dem letzten Rundumblick vor 5 Minuten eher in mein Buch vertieft, als mir auf einmal buchstäblich ein kalter feuchter Schauer durchs Gesicht fährt. Ich blicke auf und sehe: Nichts. Mal wieder Nebel. Keine 50m Sicht und der Wind schläft innerhalb von Sekunden ein. Nach einigen Minuten wüster Flüche (Nebel hatte ich dieses Jahr nun schon wirklich genug) arrangier ich mich halt damit. Hier ist sowieso nichts los, das letzte Schiff habe ich schon vor Stunden gesehen. Außerdem bin ich mitten auf offener See weitab der Schifffahrtsrouten, außer Häfen der sicherste Platz im Nebel. Nach den Nebelerfahrungen im Frühjahr gehe ich mittlerweile ziemlich locker damit um. „Einfach weiter, passt schon“. Was soll man auch schon anderes machen. Wenn ich einfach liegenbleibe und nichts tue bleiben mir im Zweifel wenn jemand auftaucht nur Sekundenbruchteile mehr, um zu reagieren, als wenn ich einfach weitertucker. Das bringts dann auch nicht…
An diesem Nebel ist allerdings etwas ganz anderes bemerkenswert. Wie ein Theatervorhang schmeißt er den Sommer von der Bühne. Noch vor wenigen Stunden schien die Sonne, es war warm, ein leichter Ostwind wehte. Als der Nebel sich mitten in der Nacht schließlich lichtete, kam der Wind aus Westen und sollte sich innerhalb von 12 Stunden auf Sturmstärke mit Regen und allen Schikanen verstärken. Der Nebel markiert das Ende des Sommers… Auch die fast 4 Wochen andauernde Ostwindphase ist damit vorbei. Schade! Denn die hat stabiles schönes Wetter garantiert. Einen anderen Wind als Ost hatte ich das letzte Mal noch auf dem Vänern…

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Zunächst aber sollte der Nebel noch bis weit in die Nacht anhalten. Selbst als der Wind langsam aus Westen aufkam, hielt er sich noch. Im Dunkeln ist Nebel besonders unangenehm. Die Positionslampen reflektieren sich in der feuchten Luft und blenden einen. „Aber was soll Nachtsicht auch schon bringen? Es gibt ja eh nichts zu sehen“, tröste ich mich. Irgendwann hat das Wetter auch ein Einsehen mit mir. Kurz vor Anholt reisst der Himmel dann auf. Der gigantische Windpark im Westen blitzt regelmäßig und ich kann zu meinem Schrecken auch einige Fischerboote in einiger Entfernung ausmachen. So dicht der Nebel eben noch wahr, so klar ist jetzt der Himmel. Und weit hier draußen, mit kaum Licht um einen herum, sind die Sterne so klar, wie seit der Überfahrt nach Polen nicht mehr auszumachen. Sogar die Milchstraße ist klar und deutlich erkennbar. Mit dem Fernglas unterscheide ich abertausende dicht zusammengedrängte Sterne. Heute genieße ich diesen Anblick, der in den letzten Monaten schon fast normal geworden ist, ganz besonders. Vielleicht ist es meine letzte Nacht auf See.
Weit nach Mitternacht mache ich dann im Hafen von Anholt fest.

Auch Anholt, im Sommer ein absoluter Hotspot, ist bereits wie ausgestorben. Ganze 3 andere Boote sind außer mir hier. Alle liegen mal wieder längsseits. Normalerweise muss man hier wie auch in Smögen um jeden Zentimeter Steg kämpfen. Doch im Gegensatz zu Smögen, welches leer einfach nur halb so schön ist, entfaltet Anholt  seinen Charme jetzt erst so richtig. Der angekündigte Sturm bläst an diesem Morgen bereits mit guten 7 Beaufort. Eine Fahrt nach Anholt wäre heute also eher schwerlich möglich. Wer jetzt noch ankommt, wird ordentlich auf links gedreht. Am Hafen laufen einige Fischer herum, die Hände tief in die Jackentaschen gestopft. Ansonsten wirkt der Hafen wie ausgestorben. Sämtliche Fischgeschäfte und Imbisse haben ihre Läden bereits verrammelt. Heißt leider auch, dass es keine Internetcoupons für das Hafen-WLAN mehr gibt. Das war aber während meines Aufenthaltes hier auch das einzige Manko. Diese Leere während des aufziehenden schlechten Wetters verleiht dem Hafen diesen Eindruck die einzige Verbindung zur Welt an einem abgelegenen Winkel selbiger zu sein. Und das ist er ja irgendwie auch. Er erinnert mich sehr an den Hafen Bensersiel in der Verfilmung von „Das Rätsel der Sandbank“. Mir gefällt diese Stimmung. Im vollbelegten Anholt des Sommer wäre das hier sicher ganz anders.

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Alle Segler haben sich in ihre Boote verkrochen. Nur hin und wieder schaut man mal raus um sicherzustellen, dass man nicht schon weggeflogen ist. Es gibt ja diesen Spruch, wie Männer, die in einer Kneipe immer zur selben Zeit zur Toilette gehen, nach dem zweiten Mal dicke Kumpels sind. Und nachdem Hugo und ich immer zur selben Zeit nach dem Wetter schauen, winken wir uns kurz zu und ich bin zum Kaffee auf der „Brigo“ aus Bremen eingeladen. Wieder einmal werden viele Erfahrungen des Sommers ausgetauscht.

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Es hilft aber alles nichts, ich bin ja nicht nach Anholt gekommen um nur auf dem Boot herumzusitzen. Also mache ich mich noch auf zu einer kleinen Inselrundfahrt, denn Anholt ist wirklich besonders. Diese kleine Insel ist wie eine Miniaturwelt mitten auf dem Wasser. Es gibt Berge, Täler, Strände, Heidefelder und Dünen, die so riesig sind, dass sie wie eine Wüste wirken. Wer mit dem Fahrrad über die Insel fährt, hat in der einen Minute das Gefühl auf Sylt herumzufahren und 5 min. später durchs ostwestfälische Bergland. Das kleine Dorf, fast ohne asphaltierte Straßen, hat ebenfalls seinen Reiz. Obwohl die Insel vom Tourismus lebt, ist hier nichts herausgeputzt. Außer der geschlossenen Bude am Hafen gibt es sogar nur ein einziges Gasthaus, Touristen dürfen ihre Autos nicht mit auf die Insel nehmen (lohnt sich wohl auch nicht) und kulturelle Sehenswürdigkeiten sind auch spärlich gesät. Ich habe ja zwar für das Internet eine dänische SIM-Karte, aber nicht mal alle dänischen Provider haben hier ein Netz aufgebaut. Wer hierher kommt sucht entweder die Natur oder Ruhe. Der Kro hat jetzt nach Saisonschluss nur 3 Stunden am Tag geöffnet. Ehrensache, dass in dieser Zeit am Sonntag fast das ganze Dorf vorbeischaut. Bei der Einrichtung würde jeder Blindenhund zwar nach Hilfe jaulen, aber diese urige Stimmung macht das wieder wett. Auf Anholt läuft die Zeit einfach in einem ganz anderen Rhythmus. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Ich kann mir glaube ich keinen besseren Ort vorstellen, um mal so richtig den Kopf freizubekommen. Ablenkung gibt es hier fast keine. Anholt in der Nachsaison ist eine echte Offenbarung. Es scheint, als wäre das hier eine ganz andere Insel als imJuli/August.

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Am nächsten Tag tobt dann der erste Herbststurm so richtig. Bis zu 53kn, das ist Windstärke 10 – schwerer Sturm, werden im Hafen gemessen. Heute kommt wohl niemand mehr hier an. Da spare ich mir die Wanderung durch die Dünen ans andere Ende der Insel lieber. Wobei, wäre bestimmt ein klasse Gesichtspeeling. Ein Gang durch das Innere der Insel, wo der Wind deutlich schwächer weht, muss reichen. Trotzdem stellt der ein eindrucksvolles Naturschauspiel dar. Der ganze Strand scheint halb wegzufliegen und die Gischt auf der Brandung an der Leeküste weht in die entgegengesetzte Richtung. Erst am späten Abend beruhigt sich das Wetter wieder ein wenig. Zur Abreise gibt es noch ein kleines Ärgernis. Der Automat am Hafen behält meine Wertkarte, mit der für Wasser und Strom bezahlt wird, einfach ohne Auszahlung des Restguthabens ein. Eigentlich nicht weiter wild, doch passiert mir das hier schon zum zweiten Mal. Auch andere Segler haben mir berichtet, dass das regelmäßig passiere, und der Hafenmeister dann noch gaaaanz lange brauchen würde, um Geld per Hand auszuzahlen. Ein Schelm wer Böses denkt….
Tags drauf verlasse ich Anholt dann wieder. Nur ein einziger Tag mit kommodem Wetter, danach ist schon das nächste Herbsttief im Anrollen. Der Herbst ist da. Das wird wohl so weitergehen…

 

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2 Gedanken zu “Der Vorhang für den Sommer fällt – Anholt

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