Herbstsegeln und ein Wiedersehen

Nur ein Wetterfenster von einem Tag sollte sich mir bieten um Anholt zu verlassen. Wie so oft im Frühherbst bestimmt das Wetter und nicht mehr der persönliche Gusto die Törnplanung.

Ich verlasse Anholt also nach Abflauen des Sturmes bei erstklassigen Südostwinden. Es geht vorbei an dem gigantischen Windpark mitten zwischen Anholt und dem Festland. Irgendwie kann ich mich hier draußen auf offener See nicht wirklich damit anfreunden… Wenigstens legt der Sommer heute noch mal ein kurzes Intermezzo ein. So geht es dann vorbei an Grenaa Richtung Süden. Das Seegebiet zwischen Greena und der Insel Samsø gehört für mich zu den unangenehmsten Teilen der „heimischen“ Ostsee. Noch nie habe ich hier wirklich gute Bedingungen angetroffen. Es sind 15 NM zwischen den nächsten Häfen, der Wind kommt irgendwie immer von vorne, die Welle ist kurz und der immer an der Küste stehende Strom scheint auch immer von vorne zu kommen. Und in mindestens 50% der Fälle am besten alles zusammen. Heute war es am Anfang nur der Strom. Das war mir noch egal. 6 Monate auf See sorgen doch für eine gewisse Grundentspannung und so habe ich mich einfach gefreut länger bei diesen schönen Bedingungen auf See sein zu können. Das änderte sich dann, als der Wind auffrischte und eine eklige kurze Welle auf Land schiebt. Mal wieder sucht sich jedes Teil unter Deck einen neuen Platz. Wenn sogar die 15kg schwere angelaschte Kühlbox von ihrem Platz unter dem Tisch wegdreht, ist wirklich Mixer-Feeling angesagt. Ich wundere mich selber, dass ich immer noch die Ruhe selbst bin, da fängt der Wind an langsam aber stetig auf Südwest zu drehen. Von vorn also. Und weil das noch nicht genug ist, bringt der Südwest dann auch noch dicke Wolken und Schauer mit. Erwähnte ich eigentlich, dass ich diese Ecke nicht mag?

Die Fahrwassertonnen sollte man hier wohl besser ernst nehmen...

Doch etwas anderes fasziniert mich, denn nach Grenaa verändert auch die dänische Festlandküste ihr Gesicht. Eine neue Küstenform taucht auch. Nach den endlosen Strandküsten des Baltikums, den zerklüfteten Schären Skandinaviens und den Dünen von Nordschweden, prägen jetzt sanfte grüne Hügel, Wiesen und Felder, unterbrochen von einigen kleinen Lehmkliffkanten das Küstenbild. Die typische Küste der westlichen Ostsee. Das letzte mal habe ich die im April gesehen. So langsam schließt sich der Kreis…

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Ebeltoft ist das Ziel des Tages. Ein netter kleiner Ort in der Nähe von Aarhus. Hier sollte ich dann auch erst mal 2 Tage bleiben. Der Herbst ist mit voller Inbrunst zurück. Der erste Hafentag vergeht mit pausenlosem Regen, der nächste mit guten 30kn Wind. Da fährt man nicht raus wenn man nicht muss. Und noch habe ich ja Zeit. Und in Ebeltoft lässt es sich gut aushalten. Für den kleinen Max gibt es einmal wieder ein Museumsschiff zu inspizieren. Die Fregatte „Jylland“, eines der letzten erhaltenen hölzernen Kriegsschiffe und Veteran der Schlacht von Helgoland 1864.Obwohl die Dänen den Krieg mit Preußen verloren haben wird dessen im angeschlossenen Museums ausgiebig gedacht. Ähnlich wie in Oscarsborg in Norwegen. Glaube, das hat was mit dem Nationalstolz der kleinen Länder zu tun…
Auch ansonsten kann die Stadt sich sehen lassen. Die Innenstadt ist fast komplett von kleinen, bunten, alten Häusern geprägt, von denen sich selbst Aerösköbing eine Scheibe abschneiden könnte. Und dann gibt es ja noch eine Regel für Hafentage wegen Schlechtwetter: Zur Wahrung der guten Laune wird Essen gegangen. Und so wird dem Bordballast eine große Portion des dänischen Nationalgerichts „Sterneskjud“, einer Art gemischter Fischplatte mit Garnelen, zugeschlagen. 🙂

Die Fregatte "Jylland"

Nach 2 Hafentagen reichts mir aber, und ich werde ungeduldig. Oder leichtsinnig?  Der Wind hat zwar nachgelassen, aber mittlerweile auf Südwest gedreht. Aus irgendeiner Vorahnung habe ich am Abend vorher noch das erste Mal die Minifock aufgezogen. Vielleicht war mir aber auch einfach nur langweilig… Die ersten Meilen verlaufen gut und zügig. So lahmarschig Nonsuch mit der riesigen Genua manchmal bei wenig Wind läuft, so perfekt liegt sie bei mehr Wind mit der Kleinen (Sturm)fock auf dem Ruder. Vielleicht muss ich doch mal in eine normale Arbeitsfock investieren… Der Wind dreht jedenfalls immer weiter auf. Am Ende stehen wieder 30kn auf der Uhr. Und das Tagesziel Ballen auf Samsø liegt aufs Grad genau in Luv. Nach dem lauen Sommer bin ich Starkwindsegeln irgendwie nicht mehr gewohnt. Seit Anfang Juli war das fast nie mehr gefragt. Schnell kommen dann die Gedanken, ob auch alles hält, das Schiff die Strapazen auch mitmacht. Immerhin hat es schon 3,500sm dieses Jahr runter. Während jede Welle abstoppt (das kommt gefühlt einer Vollbremsung an jeder Ampel gleich), hoffe ich also, dass alles gut geht. Auch wenn man instinktiv irgendwie weiß, dass es für solche Bedenken gar keinen Grund gibt. Aber selbst beim hundertsten Mal ist die Szenerie von Starkwind von vorne von Neuem eindrucksvoll. Auch heute schlägt sich Nonsuch natürlich viel besser als befürchtet. Vor allem die Sturmfock läuft (Oh Wunder!) einfach viel besser als eine eingerollte Genua. Die erste Amtshandlung in Ballen ist also ein Telefonat mit dem Segelmacher meines Vertrauens wegen einer Arbeitsfock für mittlere Winde… Auch in Ballen ist die Saison mehr als vorbei. Aber die Bäckerei im Hafen hat jeden Freitag Pizzaabend! Und heute ist…. Es folgt der perfekte Männerabend. Die Sonne kommt raus, der Wind lässt nach. Ich sitze mit einem kühlen Bier und frischer Pizza im Cockpit, und freue mich über den heute geschafften Teil

In Ballen erst mal Wunden lecken.

Für den nächsten Schlag gen Süden hat der Wind kein Stück nachgelassen. Aber dafür wenigstens auf West, also genau Halbwind, gedreht. Und heute habe ich mich mal wieder in mein Schiff verliebt. Es war einer dieser Tage, für die man segelt. Anfangs bin ich immer noch vorsichtig. Ich muss mich ja erst mal wieder an die Herbstbedingungen gewöhnen, doch mit jeder Minute und jedem zehntel Knoten Fahrt den das Schiff aufnimmt, steigt die Freude. Die Wellen im großen Belt rauschen grummelnd von der einen auf die andere Seite des Schiffes, es geht mehrere Meter auf und ab, die Logge erreicht nie geahnte Werte von fast bis zu 8 kn. Das alles mit Sturmfock und dem II. Reff im Groß. Meine Laune ist genauso weit aufgedreht wie die Stereoanlage. Es ist einfach herrlich. 7kn, also ca. 13 km/h reichen aus, um einen Segler in Speedrausch zu versetzen. Schon komisch wie sich die Verhältnisse auf dem Wasser verschieben. Es gibt ein sehr schönes Buch: „Wer Meer hat, braucht weniger“, welches beschreibt wie Segeln die Psyche verändert, zur Langsamkeit und Wertschätzung der kleinen Dinge anregt. Auch auf die Geschwindigkeiten beim Segeln trifft das wohl zu, denn selbst auf dem Fahrrad wären diese Werte, die mir heute das Kreissägengrinsen im Gesicht festtackern, nur für Rentner ´ne Leistung. So langsam kann ich dem Herbst und seinen Eskapaden aber etwas abgewinnen…

Bft. 6-7 1-1.5m Seegang.

Doe Durchfahrt durch die Grosse-Belt-Brücke bleibt das einzig Unangenehme des Tages. Wind und Wellen stoppen vor diesem gigantischen Bauwerk auf und erzeugen eine Wasseroberfläche wie in einem Kochtopf. Die Strömungen zerren alle paar Dutzend Meter wechselnd in sämtliche Himmelsrichtungen. Und sobald ich durch die Brückenpfeiler durch bin, ist für 5 min. nichts. Als ob man durch eine Wand gefahren wäre, befinden sich hinter der Brücke, mitten auf dem Wasser, weder Wind noch Wellen. Ich gehöre zwar eher weniger zu den Ökos, aber wenn man so hautnah erlebt wie solche Bauwerke in die Natur (und meine Freizeitgestaltung 😉 ) eingreifen, kann man schon ins Grübeln kommen…

Glücklich und zufrieden über diesen perfekten Segeltag mache ich in Lundeborg auf Fünen fest. Ein kleiner entspannter Fischereihafen. Kurz nach mir läuft eine deutsche Yacht ein. Der übliche „Wer-woher-wohin“ Stegschnack lässt mich aber erschaudern. Die zwei kommen aus Arnis, einige Kilometer hinter Kappeln gelegen. Die Distanz bis zu meinem Liegeplatz ist jetzt also schon weniger als eine Tagesreise. Im Kontrast dazu steht ein kleines Erlebnis am nächsten Morgen. Ich bereite mir Ham&Eggs, ein klassisches Seglerfrühstück. Ganz klassisch englisch gehört auch Ketchup dazu. Und da fällt mir auf, dass mein Ketchup immer noch aus Polen stammt. Ich denke zurück an die Zeit in Polen. 5 Monate sind es schon, und doch kommt es mir eher vor wie 3 Wochen, als ich Polen Richtung Kaliningrad verließ…

Zünftiges Frühstück mit polnischem Ketchup.

Von hier aus folgt nur ein kurzer Törn. Ich habe mich mit meinen dänischen Freunden aus dem Göta Kanal in ihrem Heimathafen Thurø verabredet. Die beiden haben damals netterweise meine Souvenirschnapsvorräte als Fracht in den Süden an Bord genommen und so vor dem norwegischen Zoll gerettet.  Henrik kommt kurz nach mir im Hafen an. Er hat das Wochenende passenderweise in Kappeln verbracht und kommt kurz nach mir mit Grüßen aus der Heimat . Es folgt ein langer Abend mit Geschichten aus dem Sommer, Erfahrungen der letzten Wochen, und darüber was Segeln doch für ein generationenübergreifendes Hobby ist.

Obwohl der Schönheitsschlaf dem Abend entsprechend spät endet, ist die Umgebung noch in dichten Nebel gehüllt, während oben bereits die Sonne scheint. Das ist allerdings nicht den zuvor gereichten alkoholhaltigen Erfrischungen, sondern der schwindenden Kraft der Sonne und dem anbrechenden Herbst geschuldet. Eine zauberhafte Stimmung. Wer lange genug sucht, findet wohl doch die positiven Seiten am Herbst…

Bevor wir uns für dieses Jahr verabschieden, bekomme ich noch eine kleine Tour durch Thurø, welches definitv auf meiner Liste für regelmäßige Törnziele landet. Obwohl quasi fast in der Stadt Svendborg gelegen, ist die Stimmung eher dörflich-dänisch. Die Fischer arbeiten direkt neben dem kleinen Segelclub, es gibt viele traditionsreiche Werften (unter anderem auch eine der besten In ganz Europa – ca. die halbe europäische 12mR Flotte bekommt hier ihre Wartung), es hat diese Spur Verschlafenheit die so perfekt zu einem Wochenend-Getaway passt. Ich werde ganz bestimmt wiederkommen.

Der Nebel ist dem Herbst, nicht dem gestrigen Abend geschuldet.

Und nun geht es langsam heimwärts. Nur eine kleine Sache muss ich immer noch erledigen…..

 

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