Auf zu neuen Ufern – Der deutsche Götakanal

Am Ende des letzten Jahres habe ich die Ostsee fast komplett in einem Törn gesehen. Natürlich gäbe es noch unzählige Ecken und Häfen zu entdecken; ein ganzes Seglerleben reicht nicht aus, um die Ostsee komplett zu kennen, so hört man oft. Und doch habe ich irgendwie den Drang in der nächsten Saison etwas ganz anderes zu entdecken. Und so wandern die Blicke im Winter oft über Karten der nordeuropäischen Küsten. Wo könnte es nur hingehen? Holland? Zu voll. England? Vielleicht ein wenig zu weit für die kleine Nonsuch, und so viel Zeit  werde ich dieses Jahr auch nicht haben. Also am Ende doch wieder den großen Urlaub in der Ostsee verbringen? Doch einige Grübelrunden später stand das Hauptziel für die nächste Saison fest. Und es liegt nicht einmal 100km Luftlinie von Kappeln entfernt. Sogar näher als mein Arbeitsplatz in Hamburg. Und doch ist es mir auf dem Wasser völlig neu…

Als Kind hatte ich das Glück, fast jedes Jahr Urlaub auf den nordfriesischen Inseln machen zu können. Für mich als Nordseekind gehören die endlosen Sandstrände, die breiten Dünengürtel und Sandbänke mit Seehunden zu den schönsten Küstenformen, die ich mir vorstellen kann. Und die sind an der Ostsee nunmal ziemlich selten. Tausende Deutsche würden nie woanders urlauben als auf Sylt, Amrum oder Föhr. Und doch gibt es dort kaum Wassertourismus. Wenn sich die Ostseesegler mal in die Nordsee verirren, dann sind es meist die ostfriesischen Inseln oder die Elbe. Klar, die Nordfriesischen sollen ein anspruchsvolles und wenig erschlossenes Revier sein, schwierig zu navigieren und zwingend immer im Einklang mit den Gezeiten zu befahren, doch wiegt es das durch die schon mit der von Land aus traumhaften Landschaft auf. Und speziell auf Sylt müsste es doch den einen oder anderen erfahrenen Hamburger Segler im Urlaub geben, der sich schon mal dasselbe gedacht hat. Hüstel Hüstel… Und jetzt werde ich jedenfalls mal schauen was da so dran ist und ob es sich lohnt diesen Landstrich mit dem Schiff außen vor zu lassen. Es geht zu den nordfriesischen Inseln!

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Schon im Mai geht es los. Der erste Tag der Reise ist kaum eine große Erwähnung wert. Es geht von Kappeln nach Kiel und in den Nord-Ostsee-Kanal. Das spannendste am Tag war noch die Flotte an Schiffen die vom Hamburger Hafengeburtstag am letzten Wochenende auf dem Weg zurück die Ostsee waren. Gorch Fock, Shtandart, und allerlei graues Kleingetier kamen mir entgegen. Während ich noch auf die Schleuse wartete kamen die deutschen Schnellboote aus der Schleuse gepest. Diese haben die komische Angewohnheit immer wenn ich sie treffe die Stereoanlage voll aufgerissen zu haben. Der Kapitän muss echt locker drauf sein. Das letzte Mal hatte ich das Vergnügen als ich die Elbe, ebenfalls auf dem Rückweg vom Hafengeburtstag, hinabgedümpelt bin und auf einmal Musik hörte. Noch während ich schaute ob ich vielleicht das Radio angelassen hatte, wurde ich von einem Schnellboot überholt. 3 Mann auf dem Außenfahrstand mit Sonnenbrille und es lief „Highway to the Danger Zone“ in fahrwasserausfüllender Lautstärke. Tom Cruise lässt grüßen….

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Abends machte ich dann vor der Gieselauschleuse fest. Wie so oft auf den Kanaltouren ins Winterlager. Doch bisher war hier immer Endstation. Doch am folgenden Tag ging ich dann das erste Mal zum Schleusenmeister in seine Dienststube – „Eintritt nur in dienstlichen und Schifffahrtsangelegenheiten gestattet“. Statt die schnelle Route über die Elbemündung wähle ich den landschaftlichen reizvolleren Weg über die Eider. Nach nur einem Tag „Anreise“ bin ich also in völlig neuen Gewässern unterwegs. Das hätte ich letztes Jahr ja auch einfacher haben können! 😉

Die Kenner werden es schon bemerkt haben. Zur Zeit ist die Gieselauschleuse leider für die Schifffahrt gesperrt. Dieser Törn fand bereits im Mai 2015 statt. Hoffen wir mal, dass sie bald wieder funktioniert, damit vielen das folgende traumhafte Revier ohne den Umweg über die Elbe ermöglicht wird. An der Einsatzbereitschaft des Personals vor Ort mangelt es sicher nicht. 


Entgegen seinem Türschild entpuppte sich der Schleusenmeister als außerordentlich hilfsbereiter und lustiger Zeitgenosse. Ein Eindruck der sich in den nächsten Tagen häufen sollte… Und kurze Zeit später öffnete sich die Brücke und das Schleusentor – die ich sonst immer als unbewegliche Kulissen wahrgenommen habe – und ich war auf der Eider. Gefühlt sofort ein anderes Revier als vorher.

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Die Eider ist ein verträumte Flusslauf und windet sich von hier in zahllosen Schleifen bis zur Nordsee. Wegen ihrer Beschaulichkeit wird sie auch oft als deutscher Göta Kanal bezeichnet. Ein Eindruck den ich in Teilen wohl bestätigen kann. Nach einer weiteren unspektakulären Schleuse einige Kilometer weiter befinde mich in einer ausgewiesenen Binnenlandschaft. Immer wieder geht es durch kleine Dörfer und Siedlungen, am Ufer befinden sich Bäume die bis ins Wasser ragen und auf den Wiesen  Schafe. Genau wie vor einem Jahr hat auch diese verträumte Binnenlandschaft trotz der Motorstunden sofort eine beruhigende Wirkung auf mich. Man ist hier sofort in einer komplett anderen Welt; hier drehen die Uhren langsamer. Was man auch daran merkt, dass ich den ganzen Tag über nur in vereinzelten Dörfern mal kurz Handyempfang habe. Und noch eine Tatsache ist hier ganz ähnlich wie im Göta Kanal. Hier gibt es, abgesehen von einigen Ausflugsdampfern, keine Berufsschifffahrt mehr. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass die Sportschifffahrt hier Priorität 1 ist. Schleusen, Brücken, alles geht nach Anforderung sofort für mich auf. Doch selbst in unserer Größe sind hier nicht viele Boote unterwegs. Ich könnte mir gut vorstellen in der Hochsaison noch mal einige Tage hier zu verbringen um dem Trubel anderswo an Nord- und Ostsee auszuweichen. Könnte man hier besser segeln, wäre ich bestimmt länger hier geblieben, aber die Natur gleicht auch dieses kleine Manko allemal aus.

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Später mach ich eine kleine Mittagspause in einem der vorbeigleitenden Dörfer namens Süderstapel. Obwohl der Hafen weit im Binnenland liegt, gibt es hier einen kleinen Hafen voll mit stattlichen Yachten und sogar eine kleine Werft. Soweit zum Maritimen. Was mich im Ort selbst erwartet überrascht mich aber noch viel mehr. Süderstapel ist verschlafen, hübsch, und mutet fast dänisch an. Klar, war ja auch alles lange Zeit dänisches Gebiet hier… Statt einem gesichtslosen Dorf auf dem platten Land erwartet mich an diesem von allen Bundesstraßen und Autobahnen umgangenen Ort ein wahres Kleinod. Lange Zeit wandere ich ziellos umher, an kleinen Katen und liebevoll gepflegten Gärten vorbei bevor es mich weiterzieht. Eigentlich hätte ich hier auch gut übernachten können, doch wegen Crewverstärkung zieht es mich noch einen Hafen weiter auf die andere Uferseite nach Nordfeld.

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Mit jedem Meter wird die Landschaft nordseeähnlicher. Schon seit geraumer Zeit säumen kleine Sommerdeiche das Ufer. Bis zur Errichtung der Schleuse Nordfeld 1936 war dieses Gebiet, welches heute die tidefreie Binneneider bildet, nämlich von den Gezeiten durchspült. Nun wird das Fahrwasser auch noch mit den nordseetypischen Pricken markiert. Bald darauf mache ich an einem kleinen Steg fest an dem schon einige Boote liegen. Hafenmeister gibt es hier keinen. Der Hafen gehört einem kleinen Wassersportverein. Ein zufällig vorbeischauendes Mitglied kassiert von mir ganze 8€ und schließt die Duschen für mich auf. Hier gehen die Uhren noch anders als an den großen touristischen Zentren der Ostseeküste. Auch wieder ein Eindruck der sich in den nächsten Wochen noch positiv verstärken sollte.

Schon hier, direkt an der Schleuse zu den Gezeiten riecht es nach Nordsee. Die salzige Luft lässt mich mich sofort wie zuhause fühlen. Bisher war die Nordsee meist recht biestig zu mir, doch nun freue ich mich auf das spannende neue Revier vor mir. Morgen geht es erst richtig los.

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