Frühlingserwachen auf dem Fuselfelsen

Der Saisonanfang ist ja schon für sich immer etwas besonderes. Letztes Jahr habe ich ihn mit Ostern, Geburtstag und Weihnachten auf einem Tag verglichen. Wenn dann das Wetter auch noch das erste Mal seit 5 Jahren gleich einen Saisoneröffnungstrip nach Helgoland zulässt, geht es schon fast nicht mehr besser. Bis einen alte Erinnerungen noch einen neuen Plan dazu schmieden lassen….

Aber mal von Anfang an. Fast schon etwas widerwillig geht es morgens in Cuxhaven los. Die Morgen sind noch eiskalt und vor allem hat sich mein Biorhythmus noch nicht wieder an die Segelsaison gewöhnt. Obwohl ich ein ausgewiesener Langschläfer und eine Nachteule bin, bin ich an Bord im Sommer meistens schon um 7 wach und dafür spätestens um 23h in der Falle, wenn nicht noch irgendwelche feuchtfröhlichen Fachgespräche dazwischen kommen. Richtige Rentnerzeiten also. Und jetzt lässt mich die 0800 Brückenöffnung Samstag früh schon etwas grummeln. Lange dauert die Gewöhnungsphase jedoch nicht. Endlich bewegt sich das Boot wieder, der Motor läuft, die sanften Bewegungen der Nonsuch fühlen sich gleich vertraut und wohlig an. Dass die Nordsee spiegelglatt ist und die Temperaturen kaum mal über 8 Grad steigen, stört da gar nicht. Immerhin scheint die Sonne. Und endlich wieder draußen!

Gegen Mittag erhebt sich langsam die felsige Kulisse von Helgoland über den Horizont. Auch wenn man das Ganze als Elbsegler schon Dutzende Male gesehen hat, ist es doch immer wieder ein besonderes Erlebnis: Keine flache Düneninsel am Horizont, sondern auf einmal taucht ein 50m hoher Klotz von Felseninsel aus dem Dunst auf. Ein ungewöhnliches Bild an dieser Küste, denn Helgoland ist die einzige Felseninsel an der Deutschen Nordseeküste und nebenbei noch die einzige Hochseeinsel, mehr als 30 Seemeilen von jeder anderen Küste entfernt. So kommt jedes Mal ein bisschen echte Seefahrtsstimmung auf, wenn Cuxhaven am Horizont verschwindet und erst einige Zeit später Helgoland vor einem auftaucht. Zumindest für ein paar Stunden. Und das ist der erste Grund weswegen Helgoland bei Seglern so ein beliebtes Ziel ist.

Der zweite wird an Land schnell offensichtlich. Auch die Landschaft ist in der näheren Umgebung einmalig. Der Hafen ist keine langweilige Marina sondern wird von Schiffen aller Art frequentiert. Dadurch ist die Stimmung sofort so angenehm maritim, selbst wenn 10er Päckchen hier in der Hochsaison eher Regel als Ausnahme sind. Es sieht hier auch nicht so typisch urig und antik wie z.B. oft in Dänemark aus; im Hafen eher fast schon industriell, trotzdem kommt hier draußen weit weg vom Festland sofort Urlaubsstimmung auf. Schnell fällt der Blick auch auf die kleine Nebeninsel namens „Düne“, welche als Badeinsel und Kinderstube für Hunderte Seehunde und Kegelrobben fungiert. Hier kommen vor allem die Naturfreunde auf ihre Kosten. Doch über allem thront das Oberland. Selbst Teile des Inseldorfes liegen auf dem bis zu 50m hohen roten Felsenplateau. Wer zum Brötchenholen oder in die Kirche hinauf will muss jedes Mal den Aufzug oder die Treppe nehmen. Auf dem Oberland lässt sich dann mit einer herrlichen Aussicht auf die aus der Deutschen Bucht in die weite Welt ausfahrenden Dampfer spazieren gehen. Dabei lernt man nebenbei auch noch viel über die bewegte Vergangenheit der Insel, die bis ins 19. Jahrhundert hinein zu England gehörte. Besonders eindrucksvoll sind die mittlerweile zugewachsenen Bombenkrater die von der Verwüstung in den Weltkriegen zeugen, welche fast bis zur Zerstörung der ganzen Insel und ihrer zeitweisen Unbewohntheit führten. Auch Geschichtsfreunde werden bei den zahlreichen Zeitzeugnissen hier auf ihre Kosten kommen.

Kommen wir nun zum Dritten Grund warum so viele Segler einen Trip nach Helgoland planen. Bei jedem Seefahrer an Nord- und Ostsee hat sich ein Spitzname für Helgoland eingebürgert: Der Fuselfelsen. Und das nicht nur bei Seglern. Den Namen kannste bei jedem Hafenmeister erwähnen, jeder wird sofort wissen was du meinst. Das ganze rührt daher, dass Helgoland eine steuerliche Sonderzone ist. Es gibt keine Mehrwehrtsteuer, und ich glaube einige andere Steuern fallen ebenfalls weg. So kostet der Liter Diesel beispielsweise nur 81 Cent.


Diese Besonderheit hat dazu geführt, dass fast die gesamte Insel vom Duty-Free Geschäft mit den Tagestouristen lebt. Das Dorfzentrum besteht fast ausschließlich aus Pafümerien, Schnapsläden, und Tabak-und Süßigkeitenverkäufern wie an jedem internationalen Flughafen. Nur in einer nie dagewesenen Fülle! Es soll auf der Insel vorkommen, dass die Dame des Hauses eine Parfümerie führt, er den angeschlossenen Schnaps- und Tabakladen und dass der heimische Keller noch als Lager missbraucht wird. Selbst für den örtlichen Juwelier gilt die Mehrwertsteuerbefreiung. So kommt es dann, dass nicht nur die Tagestouristen sondern auch die Segler ihre Zollfreimengen gerne ausnutzen und ihr Schiff….ähem…“ausrüsten“. Ein weiterer Vorteil von einem Trip nach Helgoland gleich zu Beginn der Saison, können so doch die im Winterlager beim Arbeiten wegkondensierten Restvorräte wieder aufgefüllt werden. 😉

Im Hochsommer, wenn bis zu 7000 Tagestouristen die Insel bevölkern, bleiben die meisten Segler tagsüber zwischen 12 und 16 Uhr einfach auf den Booten und schauen sich die danach wieder leergefegte Insel in Ruhe an. Jetzt im frühesten Frühling ist es den ganzen Tag über angenehm leer. Selbst der Bäcker hat am Sonntag noch geschlossen. So schlendern wir ganz entspannt über die Insel, freuen uns an den ersten Sonnenstrahlen des Tages und beschließen den Tag mit einem kleinen Abendessen.

Anschließend darf ein kleiner Verdauungsspaziergang nicht fehlen. Und wo ginge das auf Helgoland besser als auf dem Oberland. Also die 181 Treppenstufen hochgetigert (als ob das zur Verdauung nicht gereicht hätte!) und einmal die große Runde gelaufen. Vorbei am riesigen Leuchtturm mit dem stärksten Feuer des ganzen Landes, Kleingärten, Vogelkolonien, grasenden Schafsböcken mitten auf dem Spazierweg bis an den Rand der Klippen mit  Blick über die Felsenstele „Lange Anna“, dem Wahrzeichen der Insel, und raus aufs Meer in den Sonnenuntergang.

Doch ich war nicht zum ersten Mal hier. Wie wir so die Szenerie, die Meeresluft und das Kreischen der Möwen genießen, fällt mir ein Gespräch mit meinem Papa wieder ein, mit dem ich genau an dieser Stellle bei meinem letzten Saisoneröffnungstrip nach Helgoland vor fünf Jahren hier stand. Und just dann begann sich in meinem Kopf eine neue Idee zu formen…

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2 Gedanken zu “Frühlingserwachen auf dem Fuselfelsen

  1. Hallo Max, schön wieder etwas von Nonsuch Sailing und Dir zu lesen. Ich habe Dich im letzten Jahr nur knapp auf Sylt verpasst. Viele Grüße und mach weiter so! Ich freue mich immer sehr auf neue Segelgeschichten von Dir! Viele Grüße, Christian

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